Samstag, 23. Mai 2015

Hochzeitskutsche


Fremde Leute kamen auf meine Mutter zu und fragten ob ich, weil ich so ein niedliches Mädchen sei, bei einer kirchlichen Trauung in Neuköln Blumen streuen könne. Aus hellblauen Taft nähte meine Mutter ein Kleid mit Rüschen und Schleifen für mich und  ich bekam die schönsten Schuhe die ich in meinem ganzen Kinderleben je bekommen hatte. Schwarze Lackschuhe mit eingestanztem Blumenmuster. Ganz konzentriert ging ich vor dem Brautpaar her und streute Rosenblätter auf ihrem Weg vom Altar bis zur Kutsche. Zwei ganz große Schimmel, die synchron mit ihre langen zu einem Zopf geflochtenen weissen Schwänzen schaukelten, waren angespannt in eine weisse Hochzeitkutsche. Ich durfte mit einsteigen und fuhr ganz allein mit dem Brautpaar durch die Stadt. Die Menschen am Strassenrand winkten und riefen Glückwünsche zu uns hin und ich kam mir ganz grossartig vor.  


Puppen im Körnerpark


Dann kam 1953 der erster Umzug nach Neuköln, Altenbraker Strasse, ganz nahe am Körner Park, einem wunderschönen, anheimelnden Park. Er wurde damals noch zu Rixdorfer Zeiten in eine sieben Meter tiefe Senke, eine ehemalige Kiesgrube, gebaut. So wurde man im Frühjahr nicht von kalten Winden gestört . Es gab dort einen leeren Brunnen, an dessen breiten Rand wir “puppten”. Mit Puppenwagen, Puppe, kleinen Deckchen und Kissen wurde gepuppt, was so viel hiess wie, alles auspacken, Puppe auf die Decke, Puppe ausziehen, Puppe wieder anziehen, füttern und so tun als sei das Kind schon Mutter. Eine wunderbare Kinderwelt, in die ich versank und über Stunden darin verschwand. In der Strasse vor der Tür  haben wir “Himmel und Hölle Hopse” gespielt, Fliegen aus den Spinnweben hinter der Regenrinne gerettet, um sie dann in kleine Käfige, gebastelt aus Korkscheiben mit Stecknadeln dazwischen, zu sperren. Wir bogen Esslöffel um und banden sie an lange Stöcke, um damit unter den Eisengittern vor den Kellerfenstern nach Geldstücken zu angeln. (Später hab ich genau so mal meinen Autoschlüssel gerettet). Wenn das Eisauto kam, ein kleiner Dreirad-Lastwagen mit Zweitaktermotor, “tömteröm tömtöm”, standen wir fasziniert parat. Mit  spitzen, grossen Pickeln wurden lange dicke Stangen Eis von der Ladefläche des Autos gezogen. Muskelöse, nach Schweiss riechende Männer, die dicke Lederschürzen umgebunden hatten, luden sich die Eisstangen auf die Schultern und liefen, unter der Last ächzend, in die Schultheiss-Kneipe an der Ecke, um die kalten Stangen dann im Keller abzuladen. Wir bekamen jeder ein Stück zum Lutschen. Ein Junge hatte ein grünes Tretauto; ein solches wünschte ich mir lange vergebens. Dort kam alle paar Tage kam ein Leierkastenmann in den Hof. Er hatte einen kleinen Affen dabei. Ein paar Groschen  wurden in Zeitungspapier gewickelt.Die durfte ich dann aus dem Fenster in den Hof werfen. Behände und possierlich sammelte das kleine Äffchen die Geldgeschosse ein. Die Wohnung in Neuköln lag direkt in der Einflugschneise zum Flugplatz Tempelhof. Wir wohnten ganz oben, fünfter Stock. Stundenlang sass ich am Küchenfenster und beobachtete die landenden Maschinen. Der Flughafen war so nahe und die Flugzeuge schwebten hin und her schaukeln so tief über uns hinweg, dass ich die Menschen in den Fenstern der Maschinen erkennen konnte. Sie flogen buchstäblich direkt über das Dach des Nachbarhauses. Dabei zitterte dessen Schornstein immer ganz bedenklich; eines Tages fiel er um und rutschte vom Dach.



Vom Rad gefallen

1949-52

Es war Sommer und geschah zu einer Zeit  als ich noch so klein war dass ich mich nicht erinnern konnte. Vor ein paar Jahren erst hat meine Mutter mir folgende Geschichte erzählt: Es war Sommer und die Mutter, sie war da schon hochschwanger mit meinem Bruder, ist mit mir zum Baden an den See gefahren. Auf der Fahrt dort hin bin ich vom Gepäckträger gefallen. Grosses  Geheule, doch weil keine Verletzungen zu sehen war wurde ich wieder auf´s Rad gesetzt und weiter ging die Fahrt zum See. Den ganzen Tag hätte ich gequengelt so erzählt sie. Ich wollte nicht ins Wasser, ich wollte nicht mit Sand spielen und nicht mit dem Ball. Ich hätte nur den ganzen Tag schlecht gelaunt  auf der Decke gesessen. Die Mutter erzählt weiter dass sie ganz sauer war weil ich so schlecht drauf war, es war doch so schön am See und sonst hätte mir das dort doch gefallen. Nach der Arbeit am späten Nachmittag kam auch der Vati zum See. Die Mutter berichtete gleich dass ich den ganzen Tag schlechte Laune hatte und es gar keinen Spass gemacht hätte mit mir. Der Vati, so erzählt sie hätte mich angeschaut und sofort gesehen dass ich mir das Schlüsselbein gebrochen hatte. Als die Mutter mir das so unverblümt erzählte war ich doch etwas erstaunt wie wenig Mitgefühl sie zeigte, auch wenn es schon mehr als 60 Jahre zurück lag hätte ich mir doch, auch heute noch, ein Mitgefühl für mich gewünscht. Sie hasste Krankheiten bei anderen und das sollte ich noch oft am eigenen Leib erfahren.

Donnerstag, 21. Mai 2015

Mai - von Tag zu Tag: Brett im Bett


Ich steige in mein Auto und will vom Parkplatz auf die Strasse fahren. Der Parkplatz ist recht gross und von der Ausfahrt trennt mich eine gewisse Distanz. Durch einen Torbogen erreiche ich die Strasse. Dort angekommen, ist diese gesperrt. Ein rot-weisses Band, straff gespannt, versperrt den Weg. Ich steige aus und staune. Ein tiefes Loch klafft dort wo die Durchfahrt war und legt ein Gerippe von dicken und dünnen verrosteten Rohren frei. Neben dem Loch ein grosser Haufen von feinstem märkischen Sand und daneben steht ein Arbeiter, stützt sich mit einer Hand auf seine Schippe und mit der anderen hält er eine Zigarette. Ich schaue interessiert in das Loch; man muss sich das anschauen, denn wann hat man schon mal die Gelegenheit den Untergrund zu begutachten. Dem Arbeiter passt das gar nicht. “Was ist…?“, fragt er unwirsch. ”Ich möchte rausfahren “, antworte ich. Er wieder, “sie sind doch benachrichtigt worden.” “Nö”, sag’ ich, “bin ich nicht.” “Der Hausmeister hat aber gesagt, dass ich anfangen kann.” Na super, auf dem Parkplatz stehen noch 10 Autos. Ich frage ihn, ob er nicht ein paar Bretter über das Loch legen könne? Nein, kann er nicht. In Erwartung der zusätzlichen Arbeit fügt er noch genervt hinzu, man dürfe das aus statischen Gründen sowieso nicht tun. Ich muss raus, in zwei Stunden hab ich einen Termin. Ich bitte ihn nun um die Telefonnummer von seinem Bauleiter. Die hat er gar nicht gerne rausgerückt und noch angefügt, dass der auch nichts machen könne. Der Bauleiter war ein ganz Netter. Ja, ja, sagt er, ich kümmere mich darum und lässt sich meine Telefonnummer geben. Nach nur einer halben Stunde ruft er an und meint ganz stolz und freundlich, “ Frau Bernhard sie können jetzt rausfahren”.  Huch, denke ich mir, das ging aber fix. Ich steige ins Auto fahre zur Durchfahrt und siehe da, über dem Loch in der Durchfahrt liegen dicke Bretter. Ich fahre vorsichtig drüber, hab’ ja zuvor gesehen wie tief das Loch ist und parke mein Auto auf der Strasse vor der Tür. Auf dem Rückweg treffe ich auf den Bauleiter. Sehen sie, sag ich zu ihm, mit so ein paar Brettern haben sie nun eine Frau glücklich gemacht. Er schaut mich erstaunt an und meint, “na wenn das so einfach ist, werde ich meiner Frau heute Abend ein paar Bretter mitbringen”. Das ist echter Berliner Humor; den muss man geniessen, denn er ist rar geworden.       

Mittwoch, 20. Mai 2015

Militante Sprechstundenhilfe


Ich war schon lange nicht mehr bei meiner Ärztin. Ein Termin auf “Warten” hab’ ich noch bekommen, was soviel heisst wie um neun Uhr auf der Matte stehen und auf drei Stunden Warten einstellen. 



Nun gut, manche Dinge muss man ertragen. Bin also pünktlich und doch sind schon drei Leute vor mir. Ich grüsse freundlich in die Runde, mein Gruss wird mit ängstliche Blicken und zurückhaltendem Kopfnicken erwidert. Ich stehe am Tresen, niemand ist da. Aber ein grosses Hinweisschild sticht mir ins Auge: “Legen sie ihre Karte der Reihenfolge nach auf das Tablett. Setzen sie sich. Hier geht alles seinen ruhigen Gang. Hm, ein Fragezeichen breitet sich in meinem Kopf aus, fehlt hier nicht noch die Aufforderung dem Mund zu halten? Dann kommt sie, die Sprechstundenhilfe. Eine frustriert dreinschauende Frau so um die fünfzig, etwas übergewichtig. In ihrer weissen Jeans ist ein breiter Hintern fest eingepackt und ihre Gesundheitschuhe sind breit getreten. Ihre rot-grauen Haare stehen wirr, kraus und ohne nennenswerte Frisur von ihrem Kopf ab. Ein echter Dragoner! Kein Gruss, dafür ein empörter Blick. “Haben sie einen Termin?” werde ich forsch gefragt. “Ja, einen Termin auf warten.” Ich nenne unaufgefordert meinen Namen, was mir noch einen empörten Blick einbringt. Sie fängt an zu suchen und findet mich nicht. “Sind sie privat versichert?” Ihr Ton hörte sich eher an wie, “sind sie  e t w a  privat versichert !?” Ja, die arme Frau hat es wirklich nicht leicht. Endlich findet sie meine Akte und geht damit raus. Eine neue Patientin kommt rein, liest das Hinweisschild, kramt in ihrer Tasche, legt ihre Karte ordentlich unter meine und setzt sich. Der Dragoner kommt wieder ins Wartezimmer. Kein Gruss. Die neue Patientin soll ihren Namen sagen. Sie sucht und findet ihre Akte und legt sie ordentlich unter den Stapel, das kann sie ganz gut. Die neu eingetroffene Patientin erhebt sich leicht von ihrem Stuhl und will in Richtung Dragoner etwas fragen. Ein zwei Worte hat sie schon rausgebracht, da wird sie jäh unterbrochen. Der Dragoner reckt den Zeigefinger in die Luft und spricht mit hoch gestrecktem Kinn in Richtung der Fragerin und auch gleich noch in die ganze Patientenrunde, nein sie spricht nicht wirklich, sie warnt eher. ”Hier wird nicht gefragt und nicht gesprochen, hier ist ein Raum der Stille!”, und verweist mit ihrem nun noch höher gerecktem Finger auf die buddhistischen Ornamente an der Wand im Hintergrund. Der fragenden Patientin bleibt der Mund offen stehen; dann sackt sie in sich zusammen und setzt sich und schliesst den Mund. Sie schaut mich verwundert- fragend an. Der Patient zu meiner Linken, ein Engländer, schaut verzweifelt empört und schämt sich fremd. So was begegnet ihm in seiner Heimat wohl eher nicht. Der dritte Patient streckt die Beine aus und verschanzt sich hinter seiner Schirmmütze. Eine weitere Patientin betritt den Raum, bleibt wartend am Tresen stehen. Ihre Stirn ist ganz feucht, ihre Wangen glühen und ihre Augen liegen in tiefen Höhlen. Ganz offensichtlich ist sie krank. Sie wartet ein Weilchen, als keiner kommt sackt sie auf den Hocker der am Tresen steht. “Haben sie eine Termin !?” wird auch sie dann angeherrscht. Sie verneint und sagt dass es ihr schlecht geht und sie warten will. “Sie müssen wieder gehen wir haben keinen Termin mehr auf Warten”. Die arme Kranke schaut verdutzt, hat aber offenbar keine Kraft für Widerworte. Statt dessen setzt sie sich auf eine Stuhl zu den anderen Wartenden. Ich komme dran. Gespräch mit der Ärztin, danach die Entscheidung für Blutabnahme. Ich gehe ins Labor. Sitzend beuge ich mich vor und lasse meine Arme hängen, mach ich immer so. Hab nämlich keine guten Venen und auf diese Weise staut sich das Blut ganz schön und mein Arm gibt besser Blut her. Der Dragoner kommt rein, quittiert meine ungewöhnliche Haltung mit Kopfschütteln. Deutet mir, ich soll meinen Arm auf die Ablage zu legen. Nun liegt mein Arm nach oben, das kann ja auch nicht richtig sein. Ich wehre mich nicht, denn ich denke, wenn ich jetzt was Falsches sage, schneitet sie mir den Arm ab. Sie betatscht mich, keine Handschuhe keine Desinfektion. Sehr freundlich frage ich ob es möglich währe, dass sie sich die Hände wäscht bevor sie mich anfasst. O je, da war es das falsche Wort. Mit schriller Stimme kreischt sie; ”Ich habe doch noch gar nicht angefangen! “ und wird zornesrot im Gesicht. Ich entschuldige mich, ( hier sei angemerkt das ich die Ärztin sehr gut leiden kann und ich längst bemerkt habe, dass diese Sprechstundenhilfe eine Notlösung oder eine Vertretung sein musste, also nicht für immer da sein würde.) so von wegen dass ich da sehr empfindlich sei. Sie aber schaut mich beschwichtigend an und sagt, “machen sie sich mal keine Sorgen, wir haben hier noch ganz andere psychiatrische Patienten, mit ihnen werde ich schon fertig” und wäscht sich ausgiebig die Hände. Sie findet keine Vene, ich sage sie soll doch den Handrücken nehmen.”Wie? das tut doch weh?”, ja sage ich ”das tut weh”. Sie macht sich über meine Hand her, schiebt eine Schmetterlings-Nadel in meinen Handrücken, klebt sie aber nicht fest. Dann läuft das Blut, während es das tut, wedelt sie fleissig mit dem Schlauch hin und her. Sie wartet auf mein Jammern, aber ich verziehe keine Miene. Als ich letzthin ein Rezept abgeholt habe, war sie nicht mehr da. Meine Ärztin fragt mich, ob ich mich vor dem Arbeitsgericht als Zeugin zur Verfügung stellen würde. Leider gibt es keine Gerechtigkeit, denn bei der Verhandlung es ist auf einen Vergleich rausgelaufen. Eigentlich muss so jemand doch Berufsverbot bekommen.                         

Montag, 18. Mai 2015

Mai - von Tag zu Tag: Wer die Nachtigall stört


Gestern hab ich mit T. einen Spaziergang am Tegeler See gemacht. “Wo wollen wir den laufen?”, war seine Frage per WhatsApp, “ich kenne mich am See nicht aus”. “Gut”, sage ich, ich suche uns eine schöne Stelle zum spazieren gehen. Fein, er war einverstanden. Als wir uns in der Tegeler Fussgänge-Zone treffen, ist er erstaunt, warum ich ins Auto steigen will. Warum gehen wir denn nicht hier an der Uferpromenade? Ich sage mit einem Fragezeichen in den Augen, “wollten wir nicht am See spazieren gehen?” Die Uferpromenade in Tegel ist wie Alexanderplatz am Samstag. Wir fahren durch einen wunderschönen Waldweg am See entlang; “wie lange fahren wir denn noch und wo fahren wir den hin”, wird neben mir ungeduldig gefragt. Ich antworte, “bis es nicht mehr weiter geht”. Ich hatte den Weg natürlich vorher ausgesucht. Eine kleine Badestelle sollte das Endziel sein. Endlich dort angekommen, steht er herum wie Falschgeld. Die Stelle liegt in einer kleinen Bucht, ein paar Jachten ankern dümpelnd mitten drin, das Licht ist seidig. Eine kleine Gruppe Leute lagert um eine Grillfeuer. Ein paar davon sind wie richtige Seeräuber verkleidet und man hört südamerikanische Wortfetzen. Eine Graugansfamilie watschelt ohne Angst mitten durch die Leute. T. steht noch immer an der oberen Kante des kleinen Strandes und schaut unwirsch. “Komm”, sage ich zu ihm, “lass uns mal runter zum Wasser schauen und die Bucht ein wenig erkunden”. Er ist nicht begeistert, also gehe ich los. Ich begrüsse die verkleidete Truppe und sehe, dass sie eine Kamera auf ein Stativ montieren, offensichtlich wollen sie filmen. T. kommt zögerlich nach und fotografiert die Gänseküken. Ich gehe noch eine paar Schritte in die wild verwachsene Bucht, um sie zu erkunden; es ist etwas unwegsam, und gleich meint T., “komm, lass uns umdrehen, hier geht es nicht weiter”. Gut ich schwenke um und wir gehen weiter auf dem Weg. Gleich nach eine paar Schritten ein Steg, der zieht mich magisch an. Ich gehe hin, will bis vor zum Wasser und sage, “komm, hier kann man super Fotos machen”. Er, “nein, da darf man nicht drauf”. Kommt aber dann doch und begeht als Erster den Steg.



Er ist ganz morsch und man muss aufpassen, dass man nicht durchbricht. Macht nichts, wir kommen bis ans Ende und können ins Wasser schauen. Ich sehe, wie klar das Wasser ist, und dass dort jede Menge Seerosen stehen. Ich mache zwei Fotos und er macht eins von mir. Wir gehen weiter, T. bemerkt, dass wir besser auf der anderen Seite gelaufen wären, denn von hier müssen wir uns nun die langweiligen Häuser, die am anderen Ufer in Tegel stehen, anschauen. Ja, man kann über die Spitzen der Bäume am anderen Ufer drei Dächer der Hochhäuser sehen. Wir gehen weiter, er immer drei Schritte vor mir. Ich gebe mir keine Mühe ihn einzuholen. Menschen, die so laufen, lassen den anderen nie neben sich gehen. Er doziert über Fotografie, Weissabgleich und Normkarten. Super, wenn einer was weiss, doch gestern war das nicht mein Thema. Die Amsel-Männchen sangen ihr freudiges Lied über ihren Nachwuchs. Melodien von mir unbekanntem Federvieh war zu hören und dann die Nachtigallen. Ich blieb mehrmals stehen, um sie besser zu hören. Sagt er, “Nachtigallen, hab’ ich noch nie gehört”. Wann immer wir stehen bleiben, hören sie auf zu Tirilieren. Sobald wir weitergehen, fangen sie wieder an. So kann ich ihm nie genau sagen, welche nun die Nachtigall ist. Ach, sagt er, das ist doch ganz einfach und zückt sein Handy, sucht ein wenig und hebt dann sein Handy hoch und siehe da, es zwitschert eine Nachtigall. Aus dem kleinen Lautsprecher hört es sich ein wenig blechern an, aber es ist eindeutig eine Nachtigall. Er ist begeistert, weil er nun glaubt, dass ihm alle anderen Nachtigallen im Wald antworten. Ich mache noch einen schwachen Versuch, ihm zu erzählen, was sie in ihrer vermeintlichen Antwort sagen. Das interessiert ihn aber nicht weiter. Wir gehen weiter denn ich verstehe was sie sagen: “He, hau’ ab, wenn du keine Nachtigall-Frau bist; das hier ist mein Platz!”
Schöne neue Welt.          

Donnerstag, 7. Mai 2015

Erste Erinnerungen


Ich kam 1948 auf zur Welt; Torweg 67, in der romantischen Gartenstadt Staaken, im Bett meiner Großeltern. Ich liess wohl lange auf mich warten und so wurde Mutter mit viel Kaffee aufgemuntert, um nicht schlapp zu machen. 15:30 Uhr flutschte ich dann, Koffein geschwängert, in diese Welt. Nachkriegszeit, aber immerhin schon Frieden. Das Essen war knapp und so wurde ich so lange gestillt, bis ich eines Tages einer fremden, dickbusige Frau, die in der S-Bahn neben uns sass, an die Brust griff und sagte, ” hmm, Nanni haben !“, was so viel heissen sollte wie, die hat dicke Brüste, da ist bestimmt was für mich drin. Darauf hin wurde ich dann abgestillt. Da war ich ein Jahr alt und konnte angeblich schon sprechen; könnte passen, glauben tue ich das allerdings nicht. Damals lebten meine Eltern in einer Siedlung mit kleinen, kastenartigen, weissen Häusern an der Heerstrasse; die Siedlung wurde “Klein Jerusalem” genannt. Vermutlich stellte sich der Vorstadt-Berliner so Jerusalem vor. Die Häuser stehen noch immer und könnten von Architekt Walter Gropius sein. Hinter dem Haus gab es einen Hühnerstall. Er gehörte dem Nachbarn und dort drin inmitten der Hühner  war mein Lieblingsspielplatz. Wenn Mutter nach mir rief, antwortete der Nachbar, “die ist im Hühnerstall”. Meine Lust die Gegend zu erkunden, ich lief wohl immer weg, wurde kurzerhand dadurch unterbunden, dass ich an einer langen Leine an den Gartenzaun gebunden wurde. Ich habe dann immer am äussersten, straffen Ende der Leine gespielt.



Dann kam 1950 mein Bruder zur Welt, ein ewig heulender Säugling, der ständig meine Ruhe störte. Ein gutes Jahr später hatte ich Masern und vermutlich steckte ich meinen Bruder damit an, denn er erkrankte an einer Hirnhautentzündung. Die allererste Erinnerung in meinem Leben ist eine nächtliche Fahrt mit dem Krankenwagen nach “Mitte” in die Charitee. 40 Fieber, Mandelentzündung, Notoperation. Ein Sieb lag über meinem Gesicht. Darüber lag ein Tuch. Während ich dies hier schreibe, wird mir immer noch übel, wenn ich an den Geruch des Äthers denke, der damals auf das Tuch tropfte.