Sonntag, 14. Juni 2015

Zählen lernen und Doktorspiele

Zählen lernen und Doktorspiele
Der Vati hat mir bei den Hausaufgaben geholfen. Bis 10 konnte ich ja schon zählen doch dann ging es irgendwie nicht weiter und meine mir ganz eigene Logik spielte mir einen Streich. Zehn, elf, zwanzehn ... Der Vati schaute belustigt, nochmal Bergit sagte er. Zehn, elf, zwanzehn...der Vati schaute erstaunt, noch mal Bergit das war auch nicht richtig. Zehn, elf,zwanzehn...der Vati schaute böse, fing an zu schimpfen und ich fing an zu weinen. Er schimpfte wie dumm ich doch sei. Wie es richtig heißt hat er erst gesagt als ich schon vollkommen in Tränen aufgelöst war. Das war ein Glück das einzige und letzte mal dass er mir bei den Hausaufgaben “geholfen” hat.

Wir wohnten in einem Haus mit vier oder sechs Wohnungen, genau kann ich das nicht erinnern denn wir wohnten im Erdgeschoss und was darüber war hab ich irgendwie nicht registriert. Ich war ja erst fünf Jahre alt. Es wohnten aber ein paar Kinder in meinem Alter im Haus. Vor meinem Fenster stand eine Robinie und ich erinnere mich noch immer ganz genau an ihren Duft wenn sie in Blüte stand. Heute noch, Ende Mai wenn sie hier in Berlin blühen und die Stadt ist voll davon, fahre ich gerne mit dem Rad durch die Stadt und geniesse die Kakofonie der Düfte. In unserem Hof gab es einen Hühnerstall und eine Remise, in der war das Waschhaus. Der Hof war in meiner Erinnerung recht gross und es gab auch eine Wiese, die eigentlich immer voll mit den Hinterlassenschaften der Hühner war. Denn die Biester sind oft aus ihrem sandigen Auslauf ausgebüxt und haben auf der Wiese gepickt. Sah aus als hätte es ihnen Spass gemacht so im Gras herumzustochern. Wir Kinder haben oft beim Einfangen geholfen...put put put, so mussten wir dann immer rufen. Eines Tages haben wir uns ein Zelt gebaut. Mit Klammern haben wir alte graue und grüne Decken an der Wäscheleine festgemacht. Im Zelt war es heiss, denn die Sonne stand hoch am Himmel und uns war auch von innen heiss, denn wir machten verbotene Dinge. Doch zu diesem Zeitpunkt wussten wir davon noch nichts, spannend war es aber allemal. Wir waren zu viert, ein Junge sass mit runter gelassener Hose und weit gespreizten Beinen, flankiert von einem Jungen und einem Mädchen und ich hockte vor ihm. Der Junge neben ihm hielt seinen winzigen Pimmel hoch und das Mädchen zog mit ihren kleinen Fingern seine Vorhaut so hoch und auseinander dass ein kleiner Hohlraum entstand.  Mit einem kleinen Eislöffel aus Holz schaufelte ich in diesen kleinen Hohlraum feinen Märkischen Sand. Wir waren alle ganz andächtig vertieft in unser Tun. In meiner Erinnerung hat es ewig gedauert, es war stickig, schummerig, auch aufregend und hatte ein jähes Ende. Die Decke am Eingang wurde zurückgeschlagen, gleissendes Licht viel auf uns… Ich drehte mich um und sah den dunklen Umriss meinen Vater im Eingang. In gebückter Haltung schaute er eine Weile regungslos zu uns runter. Er sagte kein Wort, liess nur die Decke wieder fallen und war weg. Sofort war unser Spiel zu ende, wir stoben mit schlechtem Gewissen auseinander. Lange traue ich mich nicht nach Hause, wenn schon der Vater nichts gesagt hat dann würde sicher die Mutter schimpfen. Es fing schon an zu Dunkeln als ich den Familienpfiff hörte, der mir sagte dass ich rein kommen muss. Ich hatte einen Wiesenblumenstrauss für die Mutter gepflückt, um sie in Erwartung von Schimpfe milde zu stimmen. Sie sagte aber kein Wort, schaute noch nicht mal böse. Es gab Abendbrot und dann ein ganz normales Ins-Bett-geh-Ritual...kein Wort zu dem was da im Zelt geschah. Wochenlang noch hatte ich Sorge ob der Vater mich  nicht doch noch verraten würde. Leider hab ich als Erwachsene versäumt noch mal nach damals zu fragen.

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